Thomas Andresen: Komplett gekippt ist es nicht. Aber ich glaube, das Vertrauen war in der Bevölkerung immer größer, als viele Landwirte selbst dachten. Wir haben uns lange an den lautesten Kritikern abgearbeitet und daraus geschlossen, die Gesellschaft insgesamt sei gegen uns. Das war ein Fehler. Die Mehrheit differenziert deutlich stärker: Sie sieht Probleme, aber sie sieht auch, dass wir Lebensmittel produzieren und Verantwortung tragen.
Kerstin Wriedt: Genau das erleben wir auch. Es gibt nicht „die Gesellschaft“, die pauschal gegen Landwirtschaft ist. Es gibt unterschiedliche Erwartungen. Viele Menschen wünschen sich Tierwohl, Klimaschutz und regionale Versorgung. Gleichzeitig wollen sie bezahlbare Lebensmittel und Versorgungssicherheit. Diese Ambivalenz muss man ernst nehmen. Unser Job bei der Initiative Milch ist es, diese Widersprüche nicht wegzuerklären, sondern verständlich zu machen.
Ingo Müller: Für Unternehmen heißt das: Die Debatte ist anspruchsvoller geworden. Früher reichte es stärker, ein gutes Produkt zu liefern. Heute werden Produktionsbedingungen mitbewertet. Herkunft, CO₂-Fußabdruck, Tierhaltung, Lieferketten – all das fließt in Kaufentscheidungen ein, zumindest bei einem wachsenden Teil der Verbraucher. Darauf müssen wir reagieren, ohne die wirtschaftliche Realität auszublenden.
Andresen: Weil sich viele Betriebe in die Ecke gedrängt fühlten. Es kamen immer neue Vorgaben, immer neue Dokumentationspflichten, immer neue Debatten. Aber kaum jemand fragte, was das auf dem Hof konkret bedeutet. Für Außenstehende ist ein neues Gesetz oft nur ein politisches Signal. Für einen Betrieb kann es Investitionen, Umbauten, zusätzliche Arbeitsstunden oder echte Existenzfragen bedeuten. Dieser Abstand zwischen politischer Entscheidung und betrieblicher Realität hat sich damals entladen.
Andresen: Die Erkenntnis, dass wir selbst stärker erklären müssen. Protest schafft Aufmerksamkeit, aber keine dauerhafte Beziehung. Die entsteht erst im Gespräch.
Wriedt: Das war tatsächlich ein Wendepunkt. Seitdem sprechen deutlich mehr Landwirte selbst öffentlich über ihren Alltag. Nicht als Hochglanzkampagne, sondern in ihrer eigenen Sprache. Das wirkt viel glaubwürdiger.
Andresen: Es war sicher ein Trend, aber kein flächendeckender Umbruch. Die Zahlen zeigen ja, dass der überwiegende Teil der Menschen weiterhin tierische Produkte konsumiert. Wir sehen aktuell sogar wieder einen steigenden Absatz bei Milchprodukten und in Teilen auch bei Fleisch. Wenn man es zuspitzt: Rund 95 Prozent der Menschen kaufen weiterhin Produkte aus der Tierhaltung, während nur ein kleinerer Teil konsequent darauf verzichtet. Selbst wenn man höhere Schätzungen ansetzt, bleibt die Gruppe der Menschen, die komplett vegan lebt, vergleichsweise klein. Das heißt nicht, dass man neue Ernährungsformen abwerten sollte – jeder soll essen, was er möchte. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei die Mehrheit längst ausgestiegen.
Wriedt: IIch würde ergänzen: Der Erfolg pflanzlicher Alternativen hat trotzdem etwas verändert. Er hat die Diskussion über Ernährung, Gesundheit, Klima und Zutatenlisten beschleunigt. Verbraucher schauen heute genauer auf Proteingehalt, Verarbeitung, Herkunft und Funktion eines Produkts. Das hat den gesamten Markt anspruchsvoller gemacht. Davon profitieren am Ende alle Kategorien, auch klassische Milchprodukte. Denn auch sie werden heute bewusster ausgewählt, neu bewertet und stärker über ihren konkreten Nutzen wahrgenommen.
Müller: Genau. Wettbewerb durch Alternativen ist nicht automatisch Bedrohung, sondern auch Innovationsdruck. Entscheidend ist, dass Verbraucher am Ende selbst entscheiden – und dass Produkte transparent vergleichbar sind.
Wriedt: Das würde ich nicht gegeneinander ausspielen. Politik setzt Regeln, Kommunikation schafft Verständnis. Aber ja: Für die Wahrnehmung ist der direkte Kanal enorm wichtig geworden. Wenn Menschen sehen, wie ein Stall aussieht, wie gefüttert wird oder wie Entscheidungen auf einem Hof getroffen werden, verändert das die Debatte sofort. Aus abstrakten Vorwürfen werden konkrete Fragen.
Andresen: Und es verändert auch die Landwirte selbst. Viele Kollegen merken erst im Austausch mit Verbrauchern, dass da nicht nur Misstrauen ist, sondern ehrliches Interesse. Das nimmt Schärfe aus vielen Diskussionen.
Müller: Für Unternehmen gilt das genauso. Früher stand das Endprodukt mehr im Vordergrund. Heute reicht es nicht mehr, nur über Qualität zu sprechen. Wir müssen auch erklären, wie diese Qualität entsteht – entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Müller: Dass wir drei Aufgaben gleichzeitig erfüllen müssen. Erstens: Wir müssen unseren Mitgliedern wirtschaftliche Stabilität bieten – in einem Markt, der deutlich volatiler geworden ist. Zweitens: Wir müssen investieren, etwa in Effizienz, Energie, neue Produkte und Nachhaltigkeit. Drittens: Wir müssen vermitteln. Als Genossenschaft im Eigentum von Tausenden Landwirten sprechen wir nicht über Landwirtschaft von außen, sondern aus ihr heraus.
Müller: Ist es auch. Verbraucher erwarten Fortschritte bei Klima und Tierwohl. Gleichzeitig achten viele stark auf den Preis. Beides ist legitim. Aber man muss offen sagen: Transformation kostet Geld, Zeit und Planungssicherheit. Wenn wir höhere Standards wollen, brauchen wir dafür auch tragfähige Märkte.
Andresen: Genau da liegt auf dem Hof oft der Frust. Viele Betriebe investieren längst in moderne Ställe, Emissionsminderung, Tierkomfort, Technik. Aber wenn diese Leistung am Markt kaum sichtbar oder kaum bezahlt wird, entsteht das Gefühl: Wir sollen alles ändern, aber niemand trägt es mit.
Andresen: Ganz klar. Viele Debatten tun so, als sei Landwirtschaft statisch. In Wahrheit verändern sich Betriebe permanent – schon aus eigenem Interesse. Wer seinen Hof an die nächste Generation übergeben will, denkt langfristig: über Böden, Tiergesundheit, Energie, Wasser, Investitionen. Das passt nicht zu dem Bild, Landwirte würden nur auf kurzfristigen Profit schauen.
Wriedt: Gleichzeitig muss man sagen: Wandel erklärt sich nicht von selbst. Wenn etwas besser geworden ist, muss man es zeigen. Sonst bleibt in den Köpfen das Bild von vor zehn oder zwanzig Jahren.
Müller: Deshalb spielen Standards, Nachweise und Kennzahlen eine größere Rolle. Sie machen Fortschritte messbar. Entscheidend ist nur, dass sie praktikabel bleiben und nicht in reine Bürokratie kippen.
Wriedt: Beides. Die Distanz ist kleiner geworden, weil es mehr direkte Begegnungen gibt – digital und analog. Aber unterschiedliche Lebensrealitäten bleiben natürlich bestehen. Wer nie auf einem Hof war, bewertet Landwirtschaft anders als jemand, der täglich damit arbeitet.
Andresen: Das ist normal. Man muss auch nicht in allem einer Meinung sein. Entscheidend ist, ob man bereit ist zuzuhören. Da sind wir weiter als noch vor einigen Jahren.
Müller: Und wir sollten aufpassen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land nicht zu romantisieren. Die meisten Verbraucher wollen dasselbe wie Landwirte: gute Lebensmittel, faire Preise, intakte Umwelt, verlässliche Versorgung. Die Konflikte entstehen meist bei der Frage, wie man das gleichzeitig erreicht.
Was braucht es jetzt: weniger Regeln, mehr Geld – oder endlich mehr Ehrlichkeit?
Andresen: Mehr Ehrlichkeit wäre ein guter Anfang. Man kann nicht ständig neue Anforderungen formulieren und gleichzeitig so tun, als gäbe es das ohne Folgen für Preise, Strukturwandel oder Importe.
Müller: Dazu kommt Verlässlichkeit. Unternehmen und Betriebe investieren auf Jahre hinaus. Wer ständig neue Ziele ausruft, aber die Rahmenbedingungen laufend ändert, bremst genau die Transformation, die er fordert.
Wriedt: Und wir brauchen eine neue Sprache: weniger Lagerdenken, weniger moralische Schnellurteile, mehr Interesse an Zielkonflikten. Landwirtschaft ist nicht schwarz oder weiß. Sie ist Versorgung, Natur, Wirtschaft, Kulturraum – alles gleichzeitig.
Andresen: Ich glaube, direkter und ehrlicher. Weniger vermittelt über Schlagzeilen oder Empörung, mehr über echte Einblicke. Wer sieht, wie Landwirtschaft funktioniert, urteilt differenzierter. Mein Wunsch wäre: mehr Vertrauen in die Menschen, die Lebensmittel erzeugen.
Müller: Ich erwarte ein bewussteres Verhältnis. Verbraucher werden noch stärker wissen wollen, woher Produkte kommen, wie sie hergestellt werden und welche Wirkung sie haben. Gleichzeitig wird Versorgungssicherheit wieder stärker geschätzt werden. Daraus kann eine stabilere Beziehung entstehen – wenn Qualität und Bezahlbarkeit zusammenfinden.
Wriedt: Ich hoffe auf mehr Nähe trotz größerer Distanz im Alltag. Viele Menschen werden auch künftig keinen direkten Bezug mehr zu Höfen haben. Umso wichtiger werden Begegnungen, Transparenz und neue Formen des Dialogs. Wenn uns das gelingt, reden wir in zehn Jahren weniger übereinander – und mehr miteinander.
2019 machten die Bauernproteste sichtbar, wie groß die Spannungen zwischen Landwirtschaft, Politik und Öffentlichkeit geworden waren. Seitdem hat sich die Kommunikation verändert: Höfe geben Einblicke in den Alltag, Unternehmen sprechen mehr über Herkunft und Nachhaltigkeit, Initiativen suchen den direkten Austausch mit Verbrauchern. Gleichzeitig bleiben die Zielkonflikte: höhere Erwartungen bei Klima und Tierwohl, Preisdruck im Handel und die Frage, wer den Wandel bezahlt. Vertrauen entsteht nicht nur durch Kampagnen, sondern durch nachvollziehbare Arbeit, faire Rahmenbedingungen, dauerhaften Dialog.