Es gibt Menschen, die sich engagieren, weil sie gefragt wurden – und dann einfach dranbleiben. Manuela Meyer ist so jemand. Seit 1988 arbeitet sie bei DMK, heute im Kundenservice der Logistik in Zeven. Und zweimal die Woche steht sie im Kleidershop des Deutschen Roten Kreuzes, bügelt Hemden, sortiert Bekleidung, verhandelt keine Preise, aber kennt die Stammkunden. Die Verbindung zwischen beiden Welten ist keine zufällige – und wer Manuela Meyer ein bisschen kennt, merkt schnell: Sie war schon immer jemand, dem Wegwerfen schwerfällt. Nicht aus Geiz. Aus Überzeugung.
Im Kundenservice der DMK-Logistik dreht sich Meyers Arbeit täglich um Ware, die nicht mehr ins Sortiment passt. An den Produktionsstandorten Zeven und Edewecht fallen immer wieder Artikel an, die die engen Qualitätsanforderungen des Erstmarktes knapp verfehlen – eine leicht beschädigte Verpackung, eine kürzere Restlaufzeit, eine Charge außerhalb der Spezifikation. Weggeworfen wird nichts. Meyer verkauft diese B-Ware an einen festen Kreis spezialisierter Abnehmer – Händler und Weiterverarbeiter, die mit zweiter Wahl kalkulieren können. Jeden Tag liegt eine neue Liste vor ihr. Welcher Abnehmer bekommt welchen Artikel? Was ist er wert? Was lässt sich verhandeln? Das entscheidet Meyer selbst. „Eine gute Milch ist eine gute Milch, auch wenn die Verpackung einen Schlag abbekommen hat“, sagt sie.
Oder Transportschäden. Wenn Spediteure Ware beschädigt beim Kunden anliefern, prüft Meyer, wer haftet – und belastet den Schaden entsprechend. Eine Abwägung, die Fingerspitzengefühl verlangt: War der Fahrer unvorsichtig, oder liegt es an einer Verpackung, die den Anforderungen der Logistikkette schon länger nicht mehr gewachsen ist? Klare Fälle gibt es selten. „Ich packe an, sitze nichts aus und suche nach Lösungen“, sagt Meyer.
Dieser rote Faden – Dinge nicht aufzugeben, bevor sie am Ende sind – zieht sich durch ihr Leben. Bevor etwas weggeworfen wird, fragt Meyer sich, ob es nicht noch jemand anderem nützen kann. Kein Prinzip, das sie propagiert. Einfach eine Art zu leben, die dem Boom billiger Onlinemode widersteht. Im Kleidershop sieht sie die Folgen: Die Qualität der Spenden hat nachgelassen, seit Billiganbieter den Markt fluten. „Man sollte sich beim Kauf überlegen, ob man wirklich jeden Trend mitgehen muss“, sagt Meyer. Sie selbst schaut inzwischen gerne im Shop, bevor sie sich etwas Neues kauft.
Und dann sind da die Kunden, die ihr zeigen, was Zweitverwertung wirklich bedeutet. Eine Begegnung blieb ihr besonders in Erinnerung. Eine Gruppe junger Männer aus Burundi – einem der ärmsten Länder der Welt, aus dem sie geflohen waren, weil sie dort keine Zukunft sahen – kam regelmäßig in den Shop. Keine gemeinsame Sprache, kein vertrautes Zuhause und dennoch hatten sie immer gute Laune, waren immer bescheiden, immer dankbar: für ein gebügeltes Hemd, das irgendwer nicht mehr brauchte. Für ein paar Schuhe, die noch gut waren. „Da lächle ich noch heute“, sagt Meyer. Es ist die Art von Dankbarkeit, die anspornt, die zeigt, was ein Gegenstand wert sein kann, wenn er beim Richtigen landet. Für Meyer ist das kein rührseliger Moment, sondern die Bestätigung von etwas, das sie schon immer geglaubt hat: Dinge haben einen Wert, solange man ihnen einen lässt.
Das Ehrenamt ist für sie Ausgleich. Und Ausgleich formt den Menschen. Wer zweimal die Woche lernt, Wertschätzung als Antrieb zu erleben, in einem tollen Team zwischen 14 und 85 Jahren zu arbeiten und mit Sprachbarrieren umzugehen – bringt das mit. Als Haltung. Manchmal schließt sich der Kreis ganz unvermittelt. Wenn Meyer in Zeven in der Logistik durchs Lager läuft, begegnet ihr das ein oder andere aus dem DRK-Shop bekannte Gesicht und man begegnet sich auch hier mit einem freundlichen „Hallo“. Meyer gefällt, dass die Arbeit beim DMK so völlig anders ist als die im DRK- Shop, aber: „Beides liegt mir am Herzen – und beides würde ich nie für das andere aufgeben.“