Nachts, an Wochenenden, manchmal mitten im Urlaub, ist Sven Krannich derjenige, den man ruft, wenn jemand nicht mehr zurückkommt. Als Leiter einer DRK-Rettungshundestaffel rückt er aus, wenn irgendwo zwischen Ostseeküste und Uckermark eine Person vermisst wird – ein Kind, ein Demenzkranker, jemand, der einfach weg ist.
Tagsüber, in der DMK-Molkerei in Altentreptow, ist er derjenige, den man ruft, bevor etwas passiert. Als Sicherheitsingenieur und Fachkraft für Arbeitssicherheit begeht Krannich Produktionshallen und sucht nach dem, was andere übersehen: die falsch gelagerte Chemikalie, die blockierte Fluchttür, die Maschine, die vibriert, wie sie nicht sollte. Er kennt jeden Fluchtweg, jede Löschanlage, weiß, welche der Reinigungsmittel und Prozesschemikalien unter welchen Bedingungen zur Gefahr werden. Sein Job ist es, das Undenkbare zu denken – damit es undenkbar bleibt. Diese Haltung hat er nicht im Studium gelernt. Er hat sie trainiert, Einsatz für Einsatz, mit einem Border Collie an der Seite.
Zur Rettungshundestaffel kam er über seine Frau. Beide waren Ausbilder in der Wasserwacht, beide dem DRK verbunden. Dann zog ein Hund ein – intelligent, rastlos, gemacht für Aufgaben. Also gründeten sie die Staffel. Was als pragmatische Lösung für einen neugierigen Arbeitshund begann, wurde zur zweiten Berufung.
Wenn die Rettungsleitstelle alarmiert, übernimmt Krannich als Einsatzleiter. Er bespricht die Lage mit anderen Rettungskräften, teilt Suchgebiete ein, koordiniert die Teams im Gelände. Manchmal läuft er selbst los, den Border Collie vor sich, in Gebiete, die kein Mensch freiwillig betritt. „Man wächst bei dieser Arbeit als Team zusammen“, sagt er. „Man kennt die Stärken des anderen, die Grenzen, die Macken, weiß, wem man vertrauen kann, wenn es dunkel wird und das Gelände unübersichtlich ist.“
Den schwersten Einsatz seiner Laufbahn erlebte er auf Rügen. Eine Mutter und zwei ihrer Töchter waren von einem abstürzenden Kreidefelsen überrascht worden, eine Tochter verschüttet. Es war Weihnachten. Die Staffel suchte, fand – aber nicht das, worauf alle gehofft hatten. Sie war tot. Was blieb: die Familie, die sich verabschieden konnte. Die beim beim Gottesdienst auf Krannich zukam und Danke sagte. Nicht dafür, dass er sie gerettet hatte. Sondern dafür, dass er geholfen hatte. Was ein solcher Moment zurücklässt, lässt sich nicht ablegen wie eine Schutzausrüstung – er verändert den Blick auf alles, was danach kommt. Krannich redet nicht viel darüber.
Er geht einfach wieder los, wenn das Telefon klingelt.