Zwischen 5:30 Uhr und Ewigkeit
Er hat einen Hof übernommen, den in dieser Form kaum jemand weiterführen wollte – 80 Kühe und keine Garantie auf Erfolg. Heute kennt Hendrik Albers jedes Tier beim Namen. Eine Geschichte über Leidenschaft, Landwirtschaft – und das, was zwei Menschen zusammenhält. 

Es ist noch dunkel, wenn Hendrik Albers den Stall betritt. 5.30 Uhr, irgendwo zwischen Bielefeld und dem Rest der Welt. Josefa ist auch dabei. Sie arbeiten nebeneinander, sprechen nicht viel um diese Zeit – es braucht keine Worte, wenn man weiß, was der andere denkt. Um sieben sind sie fertig mit Melken. Dann beginnt der restliche Tag. Albers ist 26 Jahre alt und Betriebsleiter auf einem Hof, den er nicht geerbt, sondern gepachtet hat. 2024 übernahm er gemeinsam mit seiner Freundin Josefa Henkelmann, 24, einen Betrieb nahe Bielefeld. Der Vorbesitzer hatte den Hof lange mit Herzblut geführt, doch Alter und Krankheit hatten irgendwann die Oberhand gewonnen. Eine Geschichte, die an ihr Ende gekommen war. Die 80 Kühe waren teilweise krank und viele lahm. „Pro Kuh lag die Milchleistung zum Zeitpunkt der Übernahme bei 25 Litern am Tag“, sagt er. „Jetzt sind es deutlich über 40.“  

Entscheidung gegen den Strom

Die Zahl klingt trocken, ist sie aber nicht. Hinter ihr stecken umgebaute Liegeboxen, Investitionen in Technik, neu gedachte Fütterungskonzepte, Verbände und Klötze, die er lahmenden Tieren persönlich angelegt hat, „liebevoll“, sagt er, ohne Ironie. Gesundheitsprophylaxe, Grünlanddüngung, Veränderungen im Maisanbau. Ein ganzer Betrieb, neu gedacht von zwei Menschen, die gerade ihren Hochschulabschluss in der Tasche hatten und sich hätten irgendwo fest anstellen lassen können. Mit festen Gehältern. Mit Feierabend. „Wir wollten unsere eigenen Vorgesetzten sein.“ Das ist nicht selbstverständlich. Steigende Energiekosten, wachsende Bürokratie, volatile Preise: Wer sich heute mit Mitte zwanzig bewusst für die Milchwirtschaft entscheidet, obwohl er auch anders könnte, trifft eine Entscheidung gegen den Strom. 

In die Fußstapfen des Vaters

Albers kommt aus dem Emsland, sein Vater hatte dort selbst Milchwirtschaft betrieben – bis zur Milchkrise 2009, als die Preise abstürzten und er die Kühe verkaufen musste. Danach: eine Anstellung in einer Kabelfirma, hauptberuflich. Landwirtschaft wird seitdem nur noch im Nebenerwerb betrieben. „Das war eine Entscheidung, die er sich nicht leicht gemacht hat“, sagt Albers. Eine Familientradition, gebrochen aus wirtschaftlicher Not. Der Vater ist heute stolz. Das merkt man, wenn Albers davon erzählt. Der Hof, den Albers nun führt, liegt in NRW. Er ist nicht der seiner Familie. Und doch setzt er dort fort, was sein Vater einmal aufgeben musste.   

 

Gemeinsame Leidenschaft Zucht: Josefa Henkelmann und ihr Partner Hendrik Albers lieben das Thema auch in ihrer Freizeit.

Die Frau, die Kühe kennt

Josefa Henkelmann ist keine Nebenfigur, sondern die zweite Hauptfigur. Die beiden haben sich beim Landwirtschaftsstudium in Osnabrück kennengelernt und sind sich immer wieder begegnet: auf Tierschauen, wo man Kühe ausstellt und Preise gewinnen kann – eine Welt mit eigenen Regeln, eigener Ästhetik, eigener Leidenschaft. Henkelmann ist heute im Vorstand eines Jungzüchtervereins, bringt Kindern bei, wie man Kälber vorführt und was man über Zucht wissen muss. Sie kennt die Kühe genauso gut wie ihr Partner. „Was mich damals so fasziniert hat“, sagt Albers, „war ihre Liebe zu den Tieren und ihr großes Fachwissen.“ Einmal sahen sie auf einer Tierschau in Italien eine neunjährige Kuh,– für eine Zuchtkuh ein fast biblisches Alter – die aussah, als wäre sie bedeutend jünger. Langer Hals, stark beadertes Euter, insgesamt ein Exterieur, das faszinierte. „Eine tolle Kuh“, sagt Albers. Und meint gleichzeitig ein Thema, über das die beiden tage- und wochenlang sprechen könnten. 

Dialog statt Trecker-Demo

Der Alltag ist lang und selten einfach. Diesel ist teuer. Die Auflagen werden mehr. Urlaub ist nicht denkbar. Mitarbeiter gibt es keine. Abends ist Albers mindestens bis 19.30 Uhr auf dem Hof, oft länger. Die Bauernproteste, die Traktordemos – damit konnte er sich nicht recht identifizieren. „Ich setze mehr auf Dialog, Verständnis, Transparenz“, sagt er. Der vegane Trend sei mediengemacht; die Mehrheit konsumiere nach wie vor tierische Produkte. Aber er weiß auch: Wer Tierwohl wirklich ernst nimmt, muss es zeigen. In Zukunft wollen beide den Hof öffnen, Menschen einladen, die Arbeit sichtbar machen.  

Wie ein altes Ehepaar

In seinem Stall gibt es zwei Kühe, die sich niemals trennen. Immer zusammen im Stall, immer beieinander im Melkstand. Einmal waren sie zwei Wochen getrennt – da war die eine orientierungslos, unruhig, irgendwie verloren. Als sie sich wiedersahen, war da sichtbare Erleichterung. Wie bei einem alten Ehepaar. Albers versteht das gut. Es ist entlastend, wenn der andere da ist. Da ist diese Vertrautheit, die sich einstellt, ohne dass man es merkt. Die geteilten Sorgen, die nur halb so schwer wiegen, weil jemand anderes sie kennt. Wenn er an seine beiden Kühe denkt, muss er schmunzeln – weil er genau weiß, wie sich das anfühlt. Und dass es kaum etwas Besseres gibt, als jeden Morgen um 5.30 Uhr nicht allein im Stall zu stehen.