Immer im Einsatz
Seit fast vier Jahrzehnten steht Bernhard Thieke in derselben Molkerei. Er hat Fusionen miterlebt, als Feuerwehrmann Menschen gerettet und Mitarbeiter zu Ideen inspiriert. Warum ein Werk mehr ist als seine Maschinen, zeigt sich auch an seinem Beispiel. 

Er kennt seine Mitarbeiter. Manche schon seit etlichen Jahren. Und oft merkt er, wenn etwas nicht stimmt. Wenn jemand irgendwie anders drauf ist als sonst, auch wenn er das nicht sofort benennen kann. Vorsichtshalber lässt er dann seine Bürotür auf. Meistens ist sie auf. Sein Name ist Bernhard Thieke, er arbeitet seit 1987 in der DMK-Molkerei in Neubörger, einem kleinen Ort im niedersächsischen Emsland, und er ist eines jener seltenen Exemplare des modernen Arbeitslebens: ein Mensch, der tatsächlich meint, was er sagt, wenn er fragt, wie es einem geht. 
Der 57-Jährige hat dort als Molkereifachmann angefangen, den Meister gemacht, die Produktion geleitet. Heute trägt er den Titel Business Development Plant Manager – zuständig für Investitionen, neue Abfülllinien, Verpackungsentwicklung, die strategische Zukunft des gesamten Werks. Er ist Ansprechpartner für Marketing, Vertrieb und Entwicklung zugleich. Und er kennt fast jeden der 120 Mitarbeiter, manche auch privat. Wer in der Freiwilligen Feuerwehr ist – auch er ist seit 1993 aktiv – wer Kinder hat, wer gerade einen schweren Tag hat, auch wenn er es nicht sagt.  
Zwei Leben führt er, und doch ist es immer dasselbe: Er geht rein, wenn andere rauswollen. In die brennende Situation, in das schwierige Gespräch, in die Schicht, die keiner übernehmen möchte. Manchmal buchstäblich. Manchmal im übertragenen Sinne. Einen Unterschied macht das für ihn nicht. Auch bei der Feuerwehr gilt man als erreichbar, rund um die Uhr, auch an Feiertagen. „Beides kann nur im Team funktionieren“, sagt Thieke. „Das eine hat mich das andere gelehrt.“ 

Was die Feuerwehr lehrt 

2006 entgleiste nahe Neubörger ein Transrapid. Thieke und seine Kameraden befreiten noch Menschen lebend aus den Trümmern – und bargen viele Tote. 2023 trat die Ems über die Ufer, die Samtgemeinde stand unter Wasser. Stundenlang redeten die Feuerwehrleute auf ältere Bewohner ein, ihre Häuser zu verlassen. Menschen, die nicht glauben konnten oder wollten, dass es wirklich so schlimm kommen würde. „Da helfen keine Befehle“, sagt Thieke. „Da muss man zuhören, erklären, überzeugen. Genau wie im Betrieb.“ 
Seinen ersten schweren Einsatz – einen Verkehrsunfall, eine Person, die ihn anschaute, den letzten Menschen in ihrem Leben, und dann die Augen für immer schloss – trägt er noch heute in sich. „Diese Bilder bleiben. Man entwickelt eine ganz starke Demut vor dem Leben.“ Diese Demut, sagt er, nehme er jeden Morgen mit in die Molkerei.   

Bei der Feuerwehr schickt man keinen Unerfahrenen allein in den Einsatz. Im Werk halte ich es genauso. 

Teamgeist beschränkt sich bei Bernhard Thieke nicht nur auf die Arbeit – sondern auch auf seine Leidenschaft als freiwilliger Feuerwehrmann.

Ein Prinzip hat Thieke aus beiden Welten mitgenommen und in beiden Welten erprobt: Erfahrene und Neue gehören zusammen. In der Feuerwehr geht immer ein gestandener Kamerad neben dem Jungen – um zu schützen, aber auch um zu lehren. Thieke hat dafür gesorgt, dass es im Werk nicht anders läuft. „Die jungen Kollegen sollen nicht psychisch verschlissen werden. Das haben wir bei der Feuerwehr früh gelernt. Und was beim Hochwasser gilt, gilt auch an der Abfülllinie.“ 

Was die Molkerei lehrt 

Wer Teil der Lösung ist, steht am nächsten Morgen anders an seiner Maschine.“ 

In Neubörger produziert DMK ein Sortiment, das nach außen unscheinbar wirkt und von innen betrachtet beeindruckend komplex ist: stichfeste Joghurts, Fruchtjoghurt, thermisierte Produkte, Schmand, Saure Sahne, Crème fraîche, Griechischen Joghurt, Spezialzusätze für Dressings und Handelsmarken, dazu Flammkuchenrahm für den deutschen und internationalen Markt. Das Werk ist klein – aber es kann Kleinstchargen ebenso flexibel fahren wie Großproduktionen, hat kurze Wege, flache Entscheidungsstrukturen und eine Produktionstiefe, die größere Standorte nicht haben.  
Was das möglich macht, erklärt Thieke so: „Wir haben die Hardware. Aber ohne die Menschen, die täglich dastehen und an das Produkt glauben, wäre das nichts.“ Das klingt nach Managementrhetorik, ist bei ihm aber buchstäblich gemeint. Sein Vater war Milchbauer. Thieke hat selbst gemolken, kennt die Abhängigkeit vom Futter, vom Wetter, von allem, was das Leben eines Tieres bestimmt. Er weiß, wie anfällig Milch ist, bevor sie die Molkerei erreicht. »Das ist kein abstraktes Industriegut. Das kommt aus einem lebenden Wesen.“ Dieser Respekt vor dem Rohstoff, sagt er, sollte bis zur letzten Abfüllstation spürbar sein.  
Deswegen fragt Thieke auch die Mitarbeiter, die täglich an den Anlagen stehen, wenn etwas optimiert werden soll. Wie lassen sich Verluste bei Produktionswechseln reduzieren? Was könnte besser laufen beim Umrüsten einer Linie? „Die kennen die Anlage wie ihr eigenes Kind. Warum sollte ich sie nicht fragen?“ Er ist jedes Mal aufs Neue begeistert von den Ideen, die dabei herauskommen – und von der Wirkung, die das Gefragt-Werden auf die Menschen hat. „Wer Teil der Lösung ist, steht am nächsten Morgen anders an seiner Maschine.“  

Was bleibt, wenn man 39 Jahre dabei ist 

Dreizehn Führungsstile hat Thieke in fast vier Jahrzehnten miterlebt. Vier Firmennamen: Öing, Nord-Westmilch, Nordmilch und schließlich DMK. Fusionen, Umstrukturierungen, neue Werksleitungen. Heute hat der Standort eine Werksleiterin – früher undenkbar, sagt Thieke, und klingt dabei nicht nostalgisch, sondern sachlich. Er hat sich in Führungskräfte-Workshops mit seinen Stärken und Schwächen auseinandergesetzt, neugierig und ohne Eitelkeit. „Ich habe viel über mich gelernt. Auch das Unbequeme.“ 
Das Unbequemste: Er kann sich schlecht abgrenzen. Er ist nach Feierabend erreichbar, für Kollegen, die einfach reden müssen. Er geht ans Telefon, auch an Feiertagen. Die Tür zu seinem Büro steht immer offen – nicht als Signal, sondern weil er es so meint. Manchmal fragt er jemanden, wie es geht, der sagt „alles gut“, und am nächsten Morgen sitzt dieselbe Person bei ihm. „Ich spüre das einfach“, sagt er. „Meine größte Stärke. Gleichzeitig meine größte Schwäche.“  
Er hat zwei Kinder, die beide studieren. Seinen Sohn hat er dazu gebracht, die Welt so zu lesen wie er selbst: durch das Verhalten der Menschen darin. Der junge Mann studiert gerade in Japan. Der Vater beobachtet aus der Ferne – und ist stolz. Was er ihm mitgegeben hat, ist keine Karrierestrategie, sondern eine Haltung: Sei neugierig auf Menschen. Frag, bevor du urteilst. Und versteh, wie jemand tickt, bevor du versuchst, ihn zu führen.  
Das gilt beim Löscheinsatz im Emsland. Das gilt an der Joghurtlinie in Neubörger. Und es gilt, wenn man um zwei Uhr nachts das Telefon abnimmt, weil ein Kollege nicht schlafen kann. Bernhard Thieke nimmt ab. Das hat er immer so gemacht. 
Und er sieht keinen Grund, damit aufzuhören.