Windkraftpionier, Bio-Vorreiter, Labor für neue Geschäftsmodelle: Dänemark lebt ein System, das grünen Fortschritt tief im wirtschaftlichen Denken verankert. Maja Johannessen, Nachhaltigkeitsexpertin aus Kopenhagen, über Kultur, Wirtschaft und die Zukunft grüner Unternehmen.
Dänemark gilt vielen als Musterland der Nachhaltigkeit. Ökologische und ethische Prinzipien scheinen tief im wirtschaftlichen Denken verankert zu sein. Warum ist das so?
In Dänemark sehen viele Menschen Nachhaltigkeit nicht als moralische Pflicht, sondern als etwas, das das Leben besser macht – sauberere Städte, bessere Energie, mehr Lebensqualität. Wir sind offen für Veränderungen. Das liegt weniger an einem nationalen „Moral-Gen“ als an mehreren Entwicklungen, die zusammengekommen sind: frühe Regulierung, gesellschaftlicher Druck, wirtschaftliche Chancen – und eine starke Tradition der Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft.
Ist Nachhaltigkeit gesetzlich verankert in Dänemark, verpflichten sich Unternehmen zu Maßnahmen?
Ja. Dänemark hat früh klare Regeln gesetzt – und zwar nicht halbherzig, sondern mit echtem Anspruch. Das hat der Wirtschaft Orientierung gegeben. Schon in den 1990er-Jahren hat die EU viele Umweltstandards eingeführt, und Dänemark gehörte zu den Ländern, die das konsequent umgesetzt haben. In manchen Bereichen – etwa Energie – ist durch diese Regeln überhaupt erst ein Markt entstanden. Die Windindustrie ist dafür das beste Beispiel: 2024 startete die bisher größte Ausschreibung für Offshore-Windparks mit einer Gesamtkapazität von bis zu zehn Gigawatt, um die Klimaziele zu erreichen. Wenn der Staat sagt: Wir gehen diesen Weg, dann gehen Unternehmen und Bürger mit. Nicht aus Angst vor Strafen, sondern weil sie sehen: Das ist klug.
Nachhaltigkeit ist teuer. Wie schaffen dänische Firmen den Spagat zwischen Ökologie und Ökonomie?
Ganz ehrlich: Nicht alle schaffen es. Manche Unternehmen scheitern an der Transformation, andere wehren sich sogar dagegen, aber solche, die sich verändern und relevant für den Markt bleiben, überleben. Die Erfolgreichen haben früh verstanden, dass fossile Geschäftsmodelle auslaufen. Wer rechtzeitig investiert, kann im grünen Bereich enorm wachsen. Langfristig wäre es viel teurer, nichts zu tun. Viele dänische Unternehmen haben früh begriffen: Fossile Geschäftsmodelle sterben. Wer sich rechtzeitig neu erfindet, gewinnt – nicht nur moralisch, sondern wirtschaftlich. Nachhaltigkeit ist hier kein Kostenfaktor, sondern ein Geschäftsmodell.
Ist die Größe des Landes ein Vorteil, wenn es um Nachhaltigkeit geht?
Absolut. Wir haben kurze Wege – geografisch und kulturell. Man ruft jemanden an, trifft sich zwei Tage später, und dann bewegt sich etwas. Vertrauen spielt dabei eine riesige Rolle. Man arbeitet zusammen, nicht gegeneinander. Das ist ein unterschätzter Standortfaktor.
Wo sollte das Thema im Unternehmen verankert sein?
Es wäre gut, wenn Nachhaltigkeit dort sitzen würde, wo Entscheidungen getroffen werden. Wenn sie Teil des Geschäftsmodells wird, also dort, wo Angebote, Produkte und Kundenbeziehungen entstehen, verändert sie das gesamte Unternehmen: Produkte, Lieferketten, Prioritäten.
Leben auch Mitarbeiter den Nachhaltigkeitsgedanken?
Viele Beschäftigte wollen heute mehr, als nur Geld verdienen. Sie wollen beitragen – zu etwas Sinnvollem. Das hat auch mit dem dänischen Sozialstaat zu tun: Wer ein Sicherheitsnetz hat, ist mutiger, fordert mehr Sinn, mehr Verantwortung. Für Unternehmen ist das ein Wettbewerbsvorteil. Vor allem jüngere Leute achten stark darauf.
Spielen Medien, Schule und Politik eine große Rolle beim Bewusstsein für Nachhaltigkeit?
Ja, ganz sicher. Gesundes Essen, Bio-Produkte, weniger Pestizide – das ist seit Jahren Mainstream. Beim Klima ist das Bewusstsein stark, beim Konsum – Kleidung, Elektronik, Reisen – allerdings nicht. Da steht uns noch viel bevor.
Welche weiteren Herausforderungen warten in den kommenden Jahren?
Die großen Fragen unserer Zeit sind: Rohstoffe, Lieferketten, Kreislaufwirtschaft. Viele Unternehmen unterschätzen noch, wie knapp und teuer Materialien werden. Aber ich bin überzeugt: Wer heute umstellt, wird morgen Marktführer sein. Dänemark hat das Potenzial, genau dadurch eine Schlüsselrolle zu spielen.
Auch die dänische Wirtschaft erlebt gerade einen Moment der weltwirtschaftlichen Verunsicherung. Wie zuversichtlich sind Unternehmen angesichts der volatilen Märkte?
Diese Verunsicherung ist da – aber sie geht vorbei. Langfristig wird Nachhaltigkeit kein Extra mehr sein, sondern die Grundlage von Wettbewerbsfähigkeit. Und ich glaube fest: Dänemark ist gut vorbereitet. Wir haben die Kultur, die Erfahrung und den Mut, wieder einen Schritt vorauszugehen.
Wie beurteilen Sie die Zukunft Dänemarks im internationalen Wettbewerb?
Ich bin optimistisch. Obwohl aktuell wirtschaftlicher Druck und Unsicherheit da sind, sind viele dänische Unternehmen gut aufgestellt für die Zukunft. Einige Unternehmen betrachten das Thema zwar immer noch als Add-on an, aber für viele ist es ein zentraler Teil der Wettbewerbsstrategie. In zehn Jahren werden grüne Geschäftsmodelle nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit sein – und Dänemark ist gut positioniert, um davon zu profitieren.
Zur Person
Maja Johannessen ist eine dänische Nachhaltigkeitsexpertin mit den Schwerpunkten Kreislaufwirtschaft, ESG-Strategien und EU-Regulierung. Sie arbeitete als Senior-Managerin bei Nordic Sustainability in Kopenhagen, wo sie auch die Innovations- und Knowledge-Agenda verantwortete. Seit 2025 führt sie die Beratungsagentur & impact und unterstützt Unternehmen, Behörden und NGOs in nachhaltiger Transformation und Compliance.
Ein echter Aufbruch ist möglich – auch wenn der Wandel für viele Landwirte noch ein Kraftakt bleibt. Dr. Maximilian Blum, Senior Manager Strategy & Climate, erklärt, wie DMK Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit vereinen will – und warum jetzt mehr Mut gefragt ist.
„Im Mittelpunkt steht für uns ein klarer Anspruch: Wir wollen echten Wandel schaffen. Dazu setzen wir auf das Net-Zero-Farm-Programm und die energetische Transformation unserer Werke. Die größten Emissionen entstehen auf den Höfen – dort müssen wir mutig ansetzen, ohne die Betriebe zu überfordern. Gleichzeitig lösen wir uns Schritt für Schritt von fossilen Energien und kommen unserem Klimaziel 2030 näher.
Für die Betriebe ist das Thema existenziell: Milch ist ihre Lebensgrundlage, verursacht aber auch Emissionen. Dabei ist die deutsche Milchwirtschaft im internationalen Vergleich schon heute relativ klimafreundlich – und hat weiteres Potenzial. Unsere Landwirte stehen mitten in der Debatte.
Zur Wirtschaftlichkeit sage ich: Nachhaltigkeit ist selten günstig am Anfang, kann sich langfristig aber lohnen – durch neue Kundengruppen, robustere Geschäftsmodelle und geringere Risiken. Viel hängt von Markt und Rahmenbedingungen ab. In deutschen Unternehmen ist das Bewusstsein für begrenzte Ressourcen gewachsen. Trotzdem stehen viele Firmen unter wirtschaftlichem Druck und setzen andere Prioritäten.
In Ländern wie Dänemark etwa ist Nachhaltigkeit seit Jahren fest verankert – politisch, gesellschaftlich und im Markt. Das setzt positive Impulse. Ich sage aber auch: Der Vergleich hinkt ein wenig, weil die Rahmenbedingungen völlig andere sind.
Man kann das dänische Erfolgsmodell nicht einfach auf Deutschland übertragen. Trotzdem zeigt es, wie viel möglich ist, wenn ein Land konsequent in die gleiche Richtung geht und nachhaltige Leistungen sichtbar honoriert. Das ist inspirierend – auch wenn wir unseren eigenen Weg finden müssen.“