Hohnhorst, 2.300 Einwohner, Niedersachsen. Wer hier aufwächst, kennt die Stille nach der Stallarbeit, den Geruch von Erde nach dem Regen – und Gespräche, die Väter mit ihren Söhnen führen, wenn die Arbeit getan ist. Cord Lattwesen, 49, ist in dieser Welt groß geworden. Hier findet er alles, was ihn antreibt. Der Hof seiner Familie wurde erstmalig im 15. Jahrhundert in den Chroniken der Gemeinde erwähnt. Er hat eine lange Tradition. 120 Milchkühe, Ackerbau, eine Biogasanlage, drei Generationen unter einem Dach. Zwei feste Mitarbeiter, eine Teilzeitkraft, drei Kinder zwischen 18 und 21. Er und seine Frau Kirsten führen den Hof. Die Verantwortung ist ihm nie als Last erschienen – sondern als das eigentliche Material, aus dem ein Leben gemacht wird.
Seit zehn Jahren ist er außerdem Bürgermeister von Hohnhorst. Im Wahlkampf geht er selbst von Tür zu Tür, kennt die meisten beim Vornamen. Keine Bühne, kein Gestus. Die Arbeit ist kleinteilig und konkret: Straßen, Spielplätze, Neubaugebiete, Gräben. Genau das schätzt er. „Ich möchte, dass unsere Gemeinde attraktiv bleibt und auch anderen ein angenehmes Zuhause bietet.“ Im Gemeinderat gebe es kein Parteiengerangel, erzählt er: Wenn jemand einen überzeugenden Vorschlag hat, wird er umgesetzt – unabhängig davon, welche Farbe dahintersteht. „Konstruktives Gelingen“ nennt er das, und spricht es aus, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sein Vater war vor ihm Bürgermeister im Ort. „Er hat mir das so vorgelebt. Ich bin also genetisch bedingt ehrenamtlich engagiert“, sagt Lattwesen – und lächelt dabei so, als zitiere er jemanden, den er sehr vermisst.
Was bedeutet es, Genosse bei DMK zu sein? Für Cord Lattwesen ist das keine abstrakte Frage. Jeden Morgen, wenn die Milch seiner 120 Kühe abgeholt wird, beginnt eine Reise, deren Ende er kennt – und auf die er stolz ist. In MILRAM-Produkten, die in deutschen Supermärkten stehen, steckt seine Arbeit. In Käse, der nach Asien oder in den Nahen Osten exportiert wird, ist seine Milch. Das ist, für ihn, der eigentliche Sinn der Genossenschaft: dass Landwirte nicht nur Rohstofflieferanten sind, sondern Mitgestalter eines Produkts, das Menschen täglich in den Händen halten.
Die Zusammenarbeit mit DMK beschreibt er als verlässlich und nah. Feste Abnahmepreise, transparente Kommunikation, ein Gefühl dafür, dass die Molkerei versteht, unter welchem Druck die Höfe arbeiten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Landwirte in Deutschland kennen das Gegenteil: Abnehmer, die schweigen, wenn es schwierig wird, und drücken, wenn es geht. Bei DMK, sagt Lattwesen, sei das anders. Man rede miteinander. Man suche gemeinsam nach Lösungen.
Die Geschichte der Genossenschaft hat er von früh an verfolgt, die Fusionen, die Umbrüche, die langen Jahre der Neuausrichtung. Was er heute sieht, ist ein Unternehmen, das den schwersten Teil der Transformation hinter sich hat – und spürbar gefestigter aus ihr hervorgegangen ist. Weg vom reinen Rohstofflieferanten, hin zur Marke mit Eigengewicht. MILRAM steht im deutschen Kühlregal, DMK-Käse wird auf mehreren Kontinenten konsumiert. „Der Weg war alternativlos“, sagt er. „Aber man muss bereit sein, durch Jahre zu gehen, in denen der Nutzen nicht fühlbar ist.“
Er weiß, wovon er spricht. Es gab Jahre auf dem Hof, in denen jeder Cent umgedreht wurde. Jahre, in denen die Molkerei investierte und die Erzeugerpreise trotzdem knapp blieben. Jahre, in denen man morgens aufstand und abends nicht genau wusste, ob die Rechnung am Ende aufgehen würde. Diese Erfahrung hat ihn nicht verbittert, sondern geerdet. Und sie lässt ihn heute mit einer gewissen Ruhe auf das blicken, was DMK geworden ist: ein Unternehmen, das den langen Atem hatte, den es brauchte.
Jetzt steht eine Fusion mit Arla an. Lattwesen begegnet ihr mit Zuversicht – Arla ist für ihn eine Marke, hinter der er stehen kann. Zwei Genossenschaften, die zusammenwachsen. Er glaubt, dass das mehr ist als die Summe ihrer Teile.
Derzeit treibt ihn die Landesgartenschau um. Er will die Landwirtschaft dort nicht als Staffage, sondern als Argument präsentieren. Im Schaugarten: Ackerbohnen, Zuckerrüben, alte und neue Maschinen im direkten Vergleich. Eine Pflanzenschutzspritze aus den Fünfzigern neben der satellitengesteuerten Präzisionstechnik von heute. Der Kontrast soll erklären, was Debatten allein nicht vermögen. „Es ist enorm, was sich technologisch getan hat – das wissen die wenigsten.“ Den Dialog zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft hält er für unabdingbar. Nicht um zu klagen, sondern um Vorurteile durch Anschauung zu ersetzen.
Die politischen Rahmenbedingungen, sagt er, seien seit Jahren schwierig. Tierwohlförderprogramme, die nach drei Jahren sang- und klanglos auslaufen – während die Auflagen bleiben. Der Staat setze Anreize, zieht sie zurück und lässt die Betriebe mit den Konsequenzen allein. Wer einen Hof wie seinen führt, braucht Planungssicherheit. Und bekommt sie zu selten. Was ihn dennoch weitermachen lässt, ist nicht Trotz. Es ist die tiefe Überzeugung, dass dieser Beruf – dieses Leben – seinen Sinn in sich trägt. Landwirt sein ist kein Job mit Feierabend. Es ist ein 24-Stunden-Dasein, das man lieben muss, um es gut zu machen. Seine drei Kinder haben diese Überzeugung geerbt.
Manchmal, wenn eine Entscheidung schwerwiegt – auf dem Hof, im Gemeinderat, in der Genossenschaft –, fragt er sich, wie sein Vater reagiert hätte. Wie er die Dinge eingeordnet hätte, mit seiner Belesenheit, seinem guten Gedächtnis, seiner ruhigen Art, Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben. Die langen Abende im Büro seines Vaters, wenn die Arbeit getan war und die beiden Pläne schmiedeten – das war keine Nostalgie. Das war Schule.
Meistens kennt er dann die Antwort.